OBS - 6: Lieber Opa!

Das Orange Blossom Special 6, dieses Musikfestival, von dem ich Dir erzählt habe, liegt jetzt hinter uns. Und ich bin unendlich müde. Da bin ich vielleicht in was `reingeraten....
Wir hatten im Vorfeld
  befürchtet, dass alle Besucher die diesjährige Version an letztjähriger messen würden. Habe ich erwähnt, dass wir damals aus Jubiläumsgründen wirtschaftlich sehr unvernünftige Dinge taten? Habe ich wahrscheinlich nicht erzählt. Du hättest wohl nicht verstanden, dass wir eine Wiedervereinigung der Go To Blazes initiierten, und dass wir darüber hinaus mit Lazy Horse und Wake Me When I’m Under zwei nur zu diesem Zwecke ersonnene Projekte boten. Das war teuer. Aber auch unglaublich schön.

Nun, denn: Das OBS (wie der Eingeweihte unsere Festivität liebevoll nennt) musste wieder „normaler“ werden. Das war allen klar. Glücklicherweise auch dem Publikum. Das hat sich, genau wie wir, auch diesmal amüsiert wie Bolle. Und sogar das Wetter war angenehm. Nur ein bisschen Regen am Samstag. Am Sonntag heiter bis wolkig und keine Spur Niederschlag, nicht zu kalt, nicht zu warm. Stell Dir vor: Der Tennisclub und das städtische Schwimmbad haben extra für unsere Gäste ihre Duschen geöffnet! Nett, nicht wahr? Und 30-40 der Besucher haben an der Stadtführung teilgenommen. Das muss Dein Herz als ex-Vorsitzender des Heimatvereines doch höher schlagen lassen!
Den Soundcheck hat Dein Urenkel Yannick mit seiner Band One Finger Salute gemacht. So punkrockig, dass Du ihn vermutlich enterbt hättest. Sag’ Onkel Peter bitte, dass ich auf ihn hätte hören sollen: Smokestack Lightnin’ aus Nürnberg waren am Freitag eigentlich verschenkt. Jungejunge, waren die gut! Am Samstag eröffnete Kristofer Aström die Veranstaltung. Schöner Beginn, wenn auch seine düsteren Abrechnungen in Duo-Besetzung leider etwas unpräziser als auf seinem Album waren. One Bar Town hätten Dir gefallen. Die machen ziemlich bodenständigen Americana-Rock – obwohl die aus Deutschland und Dänemark kommen. Und ihr Sänger hatte genau so ein Waschbtrett vor dem Bauch wie Oma eins im Keller hat.
St. Thomas brachte nur seinen Gitarristen mit. Ich dachte ja, dass die zu viert kommen, aber mein Freund Christof (den müsstest Du kennen, das ist der Sohn von unserem Ex-Bürgermeister und er leitet jetzt in Berlin dieses Schallplattenunternehmen) hat mir erst einen Tag vorher darüber Bescheid gegeben. Da habe ich dann schnell noch das Programm ändern müssen, weil: Zu zweit darf man hier nicht so lange spielen. Dieser Heilige Thomas ist wohl manchmal etwas unheilig, aber hier war er sehr nett. Seine Lieder auch.
Gemma Hayes spielte leider nicht so lange wie wir ihr erlaubt hatten. Dafür war die zwölfköpfige Mannschaft in einem ganz furchtbar großen Bus gekommen, für den wir kaum einen Parkplatz gefunden haben. Ich dachte zuerst, dass die vorher ein Gitarrengeschäft überfallen hätten, mit so vielen teuren Gitarren sind die hier angereist. Es hätten aber auch nur zwei getan. Die Gemma wird aber bestimmt mal berühmt, weil sie immer so auf- und abschwellende Lieder hat... und auch ziemlich hübsch ist.
Dass die Isolation Years toll werden würden, wusste ich vorher. Sie waren die erste Musikgruppe, die ich fest für OBS 6 gebucht hatte. Ich wollte unbedingt, dass die in unserem Garten zeigen, wie schön, majestätisch ausladend und origenell ihre Musik ist. Das haben sie denn auch getan und das Publikum fand das auch.
Hoho, und dann kamen die Yayhoos auf die Bühne, das sind schon ziemlich bekannte Haudegen amerikanischer Rockmusik. Dir wäre das sicher zu laut gewesen, der ganze Garten hat gebebt. Und die Leute haben immer ihre Köpfe hin- und hergeworfen und die Fäuste in die Luft gestreckt, aber hallo! Das ist schwer zu erklären, wenn Erwachsene sich so verhalten, aber es hat damit zu tun, dass sie sich freuen und dass sie viel Spass haben. Am Schluss haben die dann noch so ein bekanntes Lied von einer schwedischen Gruppe gespielt, das von einer tanzenden Königin handelt. Da haben weiter alle ihre Köpfe geworfen, aber sie haben dabei ganz breit grinsen müssen.
Nach dem anschliessenden Auftritt von Veranda Music wurde mir mehrfach erzählt, dass das aber eine angenehme Überraschung war, so toll, geschmeidig, Charmant, überzeugend und stilvoll seien die vier Hamburger gewesen. Fand ich auch. Wir haben dann noch zusammen Schnaps getrunken, so gut waren die.

Reinhard und Edgar haben dann noch Discjockey gespielt. Immer abwechselnd haben sie von Because The Night über Radar Love zu Such A Shame oder gar dem Hund Von Baskerville Perlen aus ihren Plattenkellern erklingen lassen. Die Leute haben dazu getanzt, das hättest Du sehen sollen. Der schöne Rasen war eine durchgehend festgetrampelte Fläche, anschliessend.

Viel schlafen konnte ich nicht, denn es ging ja flott am Sonntag weiter. Locas in Love aus Köln waren sehr charmant. Jemand sagte, dass ihrem naseweisen Sänger das Taschengeld gekürzt gehört, aber ich weiss gar nicht, ob der schon welches kriegt.
Von Johnny Dowd habe ich Dir glaube ich schon mal berichtet. Der ist fast so alt wie Papa, war eigentlich Möbelspediteur und hat sich im Vorruhestandsalter entschieden, Musik zu veröffentlichen. So gut wie beim OBS war er noch nie. Die Lieder, die er singt, machen mir manchmal ein bischen Angst – aber dann sagt Johnny wieder so Sachen, dass es ohne die Erfindung von dusseligen Drumcomputern in Frankreich keine Musik geben würde und so. Und dann weiss ich wieder, dass ich mich vor ihm nicht fürchten muss. Das war ganz famos.
Meine Freunde von Pleasant Grove sind ja eher jünger. Daher waren die auch bunter angezogen. Aber dass Menschen, die Kenny Rogers-T-shirts tragen, so wundervolle Musik spielen, die so subtil dynamisch zwischen allen Schubladen Platz nimmt: Ich war ehrlich gerührt. Hach, das war schön.
Auch Jon Dee Graham hätte Dir gefallen. Der sah aus wie Herr Schliepenkötter, der Grundschul-Hausmeister, der seinen Pudel immer in Deinen Garten kacken lässt. Sehr einnehmende Gestalt. Und sein Auftritt war ganz klar einer der diesjährigen Höhepunkte. Dass der Mann erst so spät begonnen hat, seine Solo-Karriere zu forcieren, verstehe ich nicht. Die Leute wollten ihn gar nicht wieder von der Bühne lassen. Und er selbst meinte nachher allen Ernstes zu mir, dass er sich seit über einem Jahr auf einer Bühne nicht mehr so amüsiert hätte. Und er spielt wahrlich oft! Ausserdem hat er uns das diesjährige Festival-Motto geschenkt: „It’s a big sweet life“. Wir dachten, dass das Leben oft so klein und bitter gemacht wird, aber eigentlich, ganz eigentlich ist es doch groß und süß. Ich glaube, dass die meisten Leute das auch verstanden haben, weil immer alle gelacht und sich gefreut haben und daher vielleicht mit einem hilfreichen Gefühl nach dem OBS wieder nach hause gefahren sind.
Aber weiter im Programm: Die Friends Of Dean Martinez sitzen immer alle. Und ihr Sänger war wohl krank. Jedenfalls haben sie instrumental gespielt. Hört sich immer so an, als würde ein Miniatur-Hubschrauber erst durch die Wüste und dann durch Las Vegas fliegen. Jon Dee Graham und sein Gitarrist, der auch ganz toll spielen kann, kamen dann noch zu denen auf die Bühne, um Neil Young nachzuspielen. Da haben dann alle vor Glück geweint.
Cary Hudson und seine Rhythmusgruppe bekamen auch viel hochverdienten Applaus. Das Publikum konnte kaum fassen, wie man in so minimalistischer Besetzung einen solch grandios donnernden Southern-Gospel-Country-Blues-Rock darbieten kann. Wie ein Derrwisch sprang Cary über die Bühne und war kaum zu bremsen. Ganz, ganz toll.
Dass in Norwegen manch verschrobene Band ihre melancholische Kunst betreibt, weisst Du ja schon. Dass man aber so unvorstellbar leise auf einer Festivalbühne spielen kann wie Ai Phoenix, wird Dir neu sein. Sehr konsequent haben sie ihre bezaubernden, an Mazzy Star oder langsame Neuseeländer erinnernden Elegien in das staunende Publikum gehaucht.
  Der eine oder andere Suffkopf wollte zwar mehr Rock, aber Du weißt ja, dass das Landesimmissionsschutzgesetz uns vorschreibt, nach 22:00 Uhr leiser zu spielen. Schöner Ausklang allemal.
Nachher wurde wieder getanzt, hauptsächlich zu Soul und Dancehall und so. Reinhard kennt sich damit wirklich gut aus.

Habe ich Dir eigentlich schon mitgeteilt, wer alles zu dem Gelingen des Festes beigetragen hat? Die Leute sind wirklich unersetzlich und man kann sich gar nicht genug bei ihnen bedanken. Da ist die Glitterhouse-Mannschaft: Christoph, Tobias, Mitja, Ute, Götz, Wulf, David, Yannick, Basti, Anja, Hester, Imme, Tacki, Judith, Christopher, Ingolf, Lutz, Alex, Jutta, Nina, Archie, Schalle, Reinhard, Martin und John (Matze hatte am ersten Abend einen Fahrradunfall, der konnte dann nicht mehr helfen).

Dank auch an die Mannschaft vom Sound und vom Licht - Thorsten, Jochen und Co. für die reibungslose, belastbare, hervorragende Technik, an alle Bands und Touragenten, an Jon Dee Graham für das Motto, an Thomas, Stefan und Wolfgang, die offiziellen Fotografen, die hunderte von Filmen verballerten, an das Team des DRK, an unsere Sponsoren, ohne die das OBS für die Besucher sehr viel teurer wäre, an die Nachbarn Jens Schaperdot, Bernhard Nolte, Karl-Heinz Rochell und Johannes Böhner für ihre Hilfsbereitschaft, an alle Anwohner, an Titto Dewenter und Hermann Koch, die uns tolle Unterstände in ihrem Jahresurlaub gebaut haben, an das Bewirtungspersonal, an Heiko für die Kamera und an den Tennisclub für die Duschen und WCs. Auch Rat und Verwaltung der Stadt Beverungen haben uns unterstützt, insbesondere Herr Haase, Herr Maibom, Herr Kamischke, Schwimmeister Wilfried Tillmann und Herr Sander.

Ja, Opa, aber ganz besonders danke ich natürlich dem Publikum. Das war wie immer sensationell. Ein dicker Kuss an Vera – sie ist wirklich unglaublich geduldig und wird um das Festival herum von mir immer ein bisschen, nunja, vernachlässigt.

Mach’s gut, bis zum nächsten Jahr, und denk dran: Es ist ein großes, süßes Leben!

Rembert