Sweetwater, The Hitchin’ Post, The Gypsy Riders, Hazeldine, Go To Blazes
Wir wussten nicht, wie viele Leute kommen würden, schliesslich war der Eintritt frei. Wir wussten sowieso nicht, worauf wir uns da eingelassen haben. Am Samstagmorgen hatten wir naiverweise ein freundschaftliches Fussballspiel im Beverunger Beverstadion gegen unsere Kumpels von der Popkomm-Belegschaft anberaumt. Die ruhmreichen „Glitterhouse Whatevers“ gewannen. Ich glaube 4:1. In der Annahme, dass die OBS-PA, wie zugesagt, während des morgendlichen Kicks im Firmengarten ankäme, erreichten wir ausgepumpt, aber entspannt, das Festivalgelände. Wo uns der dort wartende Praktikant mit vor Panik geweiteten Augen anschrie: „Die PA-Anlage ist noch nicht da!“
Achduliebegüte! Etwa 300 bis 400 Festivalgäste warteten bereits. Irgendwann kam dann die Technik - lediglich ca. vier Stunden verspätet - und wurde in Windeseile aufgebaut. Soundcheck gab es so gut wie nicht.
Als dann das Schlagzeug justiert wurde rief Keith, Drummer der Go To Blazes, irgendetwas wie „hey, pretty wet up here!“. Es hatte zu regnen begonnen, und das einzige Leck des von uns selbstgebauten Bühnendaches befand sich exakt über der Snaredrum. Wenn auch die Bühne im ersten OBS-Jahr noch etwas wackelig und windschief war: das Schlagzeugpodest war schwer und solide. So solide, dass man es keinen Zentimeter verschieben konnte. Während also bereits hektischst Verstärker und Instrumente hin- und hergetragen wurden, konnte ich mir eine Leiter und eine Ersatzplane suchen. Um letztere dann vor den Augen von ein paar hundert Leuten in schwindelnder Höhe mit dem Akkuschrauber notdürftig zu befestigen. Ich hatte als Heimwerker nie wieder ein so großes Publikum. Vereinzelt wurde applaudiert. Ich war stolz.
Während Hitchin’ Post spielten fiel diverse Male die Stromversorgung der Bühne aus. Wieder: Hektische Betriebsamkeit. Steckverbindungen hatten Wasser gezogen, weil sie aus Zeitmangel nicht abgedeckt worden waren. Dann ging es wieder. Und plötzlich: Rumms. Wieder alles weg.
Damals waren wir blauäugig genug, nicht an eine Starkstromversorgung gedacht zu haben. Und der örtliche Bäcker, der eigentlich lediglich Brötchen, Kuchen und Kaffee anbieten sollte, hatte auch einen kleinen Eiskühlwagen mitgebracht. Jedes mal nun, wenn das Kühlaggregat anlief, sprang uns fröhlich der FI-Schutzschalter entgegen. Dass es am Eiswagen lag, haben wir erst nach ca. einer halben Stunde herausbekommen. Als wir der Eisverkäuferin endgültig den Stecker herauszogen, hatte sie Tränen in den Augen und stammelte irgendwas von „das schmilzt mir alles weg, mein Chef macht mir die Hölle heiß“. Archie in seiner charmant beschwichtigenden Art konterte: „Das ist uns scheißegal!“
Die Versorgung mit Bier war eher notdürftig gelöst. Es gab genügend, aber die Fässer mussten immer wieder aus dem Kühlhaus des örtlichen Getränke-Grossisten nachgeholt werden. Wenn sie dann ankamen, mussten sie von uns quer über das Gelände geschleppt werden – jedes zweite wurde durch das Geschaukel wild und war einstweilen nicht zum Zapfen zu gebrauchen.
Dann ging die Kohlensäure aus. Kein Problem, dachten wir, wir hatten ja für solche Notfälle die Handy-Nr. des Bierhändlers. Er meldete sich nicht, war beim parallel stattfindenden Pfarrgemeindefest. Hatte das Handy zwar mit, aber es war ausgeschaltet.
Thomas, der OBS-Wirt, fuhr eine geschlagene Stunde durch Beverungen, bis er ihn gefunden hatte. Und endlich Kohlensäure-Nachschub bekam.
Ähnlich unausgewogen stellte sich das Nahrungsangebot insgesamt dar. Pizza (deren Zubereitung ewig dauerte) und Salat. Und natürlich Bumbas legendere Bratwürstchen vom Gasgrill. Ich habe selten so viele Menschen voller Gier (weil: ausgehungert) wirklich noch blütenweiße Rostbratwürstchen verschlingen sehen. Der arme Bumba fürchtete zwischenzeitlich um seine körperliche Unversehrtheit, als er die Hungernden zu beschwichtigen trachtete und ihnen erklären wollte, dass eine Bratwurst zumindest zartbräunlich aussehen müsse, bis man sie als gar und essbar bezeichnen könne. „Völlig egal, gib her das Ding, wir haben Hunger, Du Arsch!“
Ein mir unvergessliches Erlebnis: Ich ging eiligen Schrittes (zum OBS bewege ich mich immer und ausschliesslich in gehörigem Tempo) und mit finsterem Tunnelblick von da nach dort, als ich im Augenwinkel etwas Eigenartiges bemerkte: Jemand öffnete, ganz beiläufig und gehenderweise, eine Bierflasche – was nun wirklich keiner weiteren Erwähnung bedüfen würde. Wenn er dies nicht mit einem Fingerring getan häte. Das wollte ich auch können! Ich übte ein wenig, holte mir diverse blutige Wunden – aber irgendwann konnte ich es. Mache ich noch heute gerne, zum Aufschneiden. Öffner? Feuerzeug? Geh mir weg. Schau mal, was ich kann, ich mache das mit nur mit dem Ring hier auf. Mädels lieben das. Weswegen die Jungs dann immer neidisch sind.
Ach, das erste Jahr war unvergesslich.